Meine neue Heimat auf Zeit - Lusaka Teil 1

Mittlerweile lebe ich schon ein kleines Weilchen in Lusaka. Schon längst wollte ich einen Bericht über meine bisherige Zeit hier verfasst haben, allerdings hat die gar überwältigende Anzahl von Eindrücken, Begegnungen und Erlebnissen, denen ich hier ausgesetzt war und immer noch bin, mich bislang davon abgehalten. Zum einen und vor allem betrifft das den zeitlichen Faktor. Schon das Erleben an gestaltet sich als recht zeitaufwendig, was wohl durchaus verständlich ist, wenn man bedenkt, dass sich in der kurzen Zeit, in der ich nun in Lusaka lebe, noch keine richtige Routine einstellen konnte. Somit gestaltet sich für mich bereits der Alltag als eine Form von täglichem Abenteuer. Ich persönlich finde das überwiegend gut und aufregend. Ich merke, wie ich von meinem Umfeld viel mehr in mich aufsauge (und vielleicht auch aufsaugen muss um mich anpassen zu können) als ich es in meinem gewohnten Umfeld getan habe. Damit rauschen permanent viel mehr Eindrücke als üblich auf mich zu, die mein Gehirn irgendwie einordnen muss. Und weil oft keine Schubladen existieren, in die es das Gesehene einordnen kann, ist es den ganzen Tag über damit beschäftigt neue Hochregale in meiner Schaltzentrale Kopf zu errichten, in die später Erinnerungen geräumt werden können. Ganz besonders in den ersten Tagen habe ich deutlich zu spüren bekommen, was das physisch für mich bedeutet. Mein Körper hat sich gegen meinen Drang am liebsten alles sofort zu sehen und zu erleben mit einer allesüberschattenden Müdigkeit gewährt, die mich schon, wenn auch nicht wirklich ernsthaft, darüber nachdenken lies, ob ich mich nicht eventuell ohne es bemerkt zu haben mit der Schlafkrankheit angesteckt haben könnte. Diese Müdigkeit stellt einen weiteren Grund dar, weswegen ich erst jetzt zum Verfassen eines weiteren Textes komme.

Lusaka, meine neue Heimat auf Zeit, ist groß und unübersichtlich. Sie ist laut und dreckig und an vielen Orten läd sie nicht gerade zum Verweilen auf. Sie ist arm, vielleicht auch stellenweise gefährlich und selbst auf den ersten Blick kann man erkennen, dass sie viele Probleme hat. Aber all das ist sie nicht ausschließlich. Die Menschen, die in ihr Leben machen sie aus, so wie fast jede Stadt durch die Mentalität ihrer Einwohner geprägt wird. Und auch wenn mir Lusaka das eine oder andere Mal schon unerbittlich und vor allem unübersichtlich vorkam, gibt es immer wieder Begegnungen und Orte, die mich lehren, dass sie auf den zweiten Blick auch freundlich sein kann. Lusaka als Stadt lebt und pulsiert und sei es auch nur, weil ihre Straßen permanent und zu jeder Tages- und Nachtzeit von Autos bevölkert werden. Trotz allem weiß ich noch nicht, ob ich die Stadt wirklich mag. Ich fühle mich wohl hier und bin froh und überaus dankbar, dass sich mir die Chance geboten hat so fern von meinem gewohnten Umfeld Erfahrungen zu sammeln zu dürfen. Ich merke, dass ich mich zu Hause fühle und irgendwie bin ich mit der Stadt verbunden, sei es auch nur, weil ich jetzt ein Teil von ihr bin. Die Frage, ob ich Lusaka wirklich mag, werde ich aber wohl auch in einem Jahr nicht einfach mit ja oder nein beantworten können. Sie ist zu vielschichtig zu unterschiedlich und zu vieles auf einmal.

Da es bislang nicht so aussieht als würde ich jemals die Zeit finden alle Themengebiete, die die verschiedenen Facetten dieser Stadt beschreiben, in einem Bericht zusammenzufassen, werde ich versuchen meine Eindrücke thematisch zu gliedern und so in kleinere Beichte zu teilen. Diese plane in der nächsten Zeit zu verfassen.

8.11.15 14:21, kommentieren

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Zwischen Wellblechhütte und Luxusvilla – Eindrücke aus Dar Es Salaam

Mittlerweise bin ich schon ein paar Tage gut in Lusaka, der Hauptstadt Sambias, angekommen und finde nun endlich die Zeit über meine Erlebnisse in Dar Es Salaam zu berichten. Ich habe vorher nicht erwartet, dass ab und an einen Bericht hochladen, so viel Zeit in Anspruch nehmen wird und vor allem jetzt zu Beginn gibt es für mich überall so viel zu erleben und zu entdecken, dass Zeit ein sehr begrenzter Faktor ist. Ich hoffe, dass Euch mein Bericht gefällt und wünsche viel Spaß beim Lesen.


Am Flughafen von Dar Es Salaam – oder kurz einfach Dar – wurden Eva, Felix, Thorsten und ich von einem Taxifahrer, der von BORDA, der Organisation für die wir alle mehr oder weniger direkt arbeiten werden, geschickt wurde, eingesammelt und zum Hotel gefahren. Das Hotel hatte große und geräumige Zimmer, in denen ich mich schnell wohl gefühlt habe. Das könnte allerdings auch an Eva gelegen haben, mit der ich mir ein Zimmer mit riesigem Bett und eigenem Badezimmer geteilt habe. Es war sehr angenehm die neuen Erlebnisse mit jemandem besprechen zu können, der in einer sehr ähnlichen Situation ist und so haben wir abends im Bett eigentlich immer so lange mit einander gequatscht, bis einer von uns eingeschlafen ist.
Soweit ich das beurteilen kann, waren wir die einzigen Gäste im Hotel und die Angestellten an der Rezeption standen uns immer hilfreich zur Seite. Eva und ich hatten zum Beispiel ein keines Schlüsselproblem und sind auf Grund dessen regelmäßig nicht in unser Zimmer gekommen. Wenn es weder mit dem Schlüssel, noch mit der passenden elektronischen Chipkarte funktionierte, bekamen wir den Masterschlüssel und als einmal auch das nicht funktionierte, ist kurzerhand eine der Angestellten durchs Fenster ins Zimmer eingestiegen und hat uns von innen geöffnet. Auch wenn ich erst in wenig irritiert darüber war, wie schnell die Gute in unser Zimmer einbrechen konnte, obwohl alle Fenster geschlossen und versperrt waren, war ich sehr froh in das Zimmer zu kommen.

Unser Samstag, der ersten Tag in Tansania, verlief dann recht gemütlich. Da wir keinerlei Informationen hatten, weder ob und wenn ja, wann jemand nach uns sehen wird, sind wir zunächst einfach im Hotel geblieben. Wir dachten uns, dass wir sicher irgendwann Informationen darüber bekommen werden, wie unser erster Tag geplant ist. Uns so war es dann auch. Nachdem am Vormittag unser aller Chefin zur Begrüßung vorbeikam, tauchte wenig später einer der Freiwilligen aus dem letzten Jahr auf, der verlängert hat und ein weiteres Jahr in Dar bleiben wird. Er spielte die ganze Zeit unseres Aufenthalts dankenswerterweise unseren Babysitter, obwohl er sicherlich spannendere Dinge zu tun gehabt hätte. Aufgrund der Tatsache, dass unser aller Suaheli faktisch nicht vorhanden ist und die Kommunikation auf Englisch in vielen Teilen gar nicht möglich ist, musste er selbst simpelste Dinge für uns regeln. Dazu kommt, dass selbst wenn wir die Sprache verstanden hätten, wir nicht mit den einheimischen Preisen vertraut waren und oft das Vielfache eines fairen Preises hätten zahlen müssen. Für eine kurze Fahrt im Bajaj, dem meiner Meinung nach besten Verkehrsmittel überhaupt, verlangte einer der Fahrer 20000 tansanische Schilling von uns, obwohl 4000 Schilling ein angemessener Preis gewesen wären. Bajajis sind dreirädrige, etwas instabil wirkende, ich würde sagen Mofa-ähnliche Fahrzeuge, die massenweise und in allen möglichen Farben auf den vollkommen überfüllten Straßen zu sehen sind. Auf der Rückbank können, wenn auch auf Grund der Enge nicht sehr bequem, drei Personen sitzen und sie stellen die schnellste Variante von A nach B zu kommen dar, da sie rechts und links an dem fast immer herrschenden Stau auf Dars Straßen vorbeiziehen können.

Wir fünf führen dann zu einem wunderschönen Beach-Restaurant-Club-Aufenthaltsort am Meer, in dem man gut stundenlang entspannen und gemütlich bei einem Bierchen und tausend Fragen an den Freiwilligen des letzten Jahres die lokale Küche ausprobieren konnte. Alleine der Anblick des großen hölzernen Unterschlupfes mit Bastdach und Holzinventar gepaart mit den tropischen Temperaturen sorgte für eine entspannte Wohlfühlatmosphäre und wem das zur Entspannung nicht reichen sollte, hat sicherlich spätestens bei dem Gefühl von warmen Sand unter dem Füßen sämtliche Sorgen vergessen.
Das Meer an sich lud optisch zum Reinspringen und Planschen ein, wovon uns allerdings dringend abgeraten wurde, sodass wir nur ein wenig mit den Füßen ins Wasser gegangen sind. Es ist eine Sünde an der Natur, dass 90 % der Abwässer in Dar Es Salaam ungeklärt ins Meer geleitet werden und so alles verpesten. Ungeachtet dessen konnte man trotzdem viele Leute in dem Wasser baden sehen. Die Auswirkungen, die das auf die Gesundheit hat, kann man sich sicherlich leicht vorstellen.


Am Sonntag war eine vierstündige Radtour durch die Stadt, vor allem die Teile der Stadt, die man als Besucher sonst nicht sieht, für uns geplant. Ich glaube wir alle hatten ein wenig Respekt vor der sportlichen Herausforderung bei den herrschenden Temperaturen, die uns bevorstand. Mehrfach wurde uns vorher gesagt, dass selbst sehr sportliche und durchtrainierte Menschen diese Tour als äußerst anstrengend und kraftraubend empfunden haben. Als uns dann bei dem Beginn der Tour um 8.30 Uhr von unseren beiden Tour-Guides mitgeteilt wurde, dass es sich lediglich um 15 km handeln wird, war ich sehr erleichtert und nach meinem Geschmack hätte, im Nachhinein betrachtet, die Tour auch deutlich länger sein können. In der Regel führen wir nur jeweils wenige Minuten von Step zu Step, an denen wir dann ausführliche Informationen erhalten haben.

Zuerst hielten wir an einem Schuhverkauf für die Mittelklasse, wie uns erklärt wurde. Es handelt sich dabei um kleine nicht sehr einsturzsicher aussehende Geschäfte, die einer neben dem anderen stehen und in denen man jede Art von Schuh finden kann, die man auch nur suchen kann. Wie an jedem Ort der Welt, muss man auch in Dar, wenn man überleben möchte, einen Weg finden seinen Lebensunterhalt zu verdienen und in Dar, einer der am schnellsten wachsenden Städte Afrikas, kann dies besonders schwer sein. Wenn man neu in die Stadt kommt, so wurde uns erklärt, muss man oft kreativ werden, um eine Aufgabe zu finden, bei der man etwas Geld verdient. Die Betreiber der Schuhgeschäfte haben einen Weg für sich gefunden und stehen jeden Tag unglaublich früh auf um als einer der ersten auf dem lokalen Markt zu sein, auf den ich später noch einmal zu sprechen kommen werde. Sie suchen sich die besten Artikel aus, kaufen sie auf dem Markt und verkaufen sie in ihren Geschäften. Alle Seiten würden so gewinnen, wurde uns mitgeteilt: Die Schuhverkäufer haben eine Existenzgrundlage, die Mittelklasse kann direkt zu den Läden gehen, muss nicht erst auf den Markt und kann sich sicher sein bereits die besten Artikel vor sich zu haben und die Verkäufer auf dem Markt können so einen wichtigen Teil ihres Geschäftes schon am Morgen erledigen.

Keine fünf Minuten Fahrt später hielten wir an, um zu lernen, wie Kaffee traditionellerweise in einem Stampfer zubereitet wird. Der Verkauf von Kaffee auf der Straße stellt einen weiteren kreativen Weg dar, um als Neuankömmling Geld in Dar zu verdienen. Heikel dabei ist wohl, dass die Zubereitung von Kaffee eigentlich als Frauenarbeit angesehen wird und die jungen Männer, die den Kaffee zubereiten und verkaufen, von ihren Familien ausgeschimpft werden, wenn sie bei der Arbeit erwischt würden. In der Regel befinden sie sich allerdings etliche Kilometer von ihren Familien entfernt und die Sorge vor Ärger mit der Familie ist verglichen mit den Sorgen, die sie hätten, wenn sie das nicht täten, sehr untergeordnet, sodass sie jeden Tag dieser Arbeit nachgehen.

Kurz darauf bekamen wir die Chance ein typisches Suaheli Frühstück in einer typischen Suaheli Straße zu verkosten. Dafür bereitete uns Mama Namina (oder so ähnlich) in einem roten Container, der nichts außer einer hölzernen Sitzecke für ca. sechs bis acht Personen auf der einen und einer freien Stelle auf dem Boden zum Kochen mit einer Art kleinen Gas-Campingkocher auf der anderen Seite beinhaltete, einen starken Tee mit viel Zucker und Chapatis zu. Chapatis sind unglaublich fettige ganz flache Fladenbrot- oder Pfannkuchen- (für Berliner Eierkuchen-) ähnliche Brotgebilde, die meiner Meinung nach zu mindestens 90 % aus Öl bestehen und auch noch in Öl gebraten werden. Voraussichtlich werden sie das kommende Jahr eines meiner Hauptnahrungsmittel darstellen.
Bei diesem Step wurde uns erklärt, wie die Suaheli Sprache und Kultur entstanden sind. Sie sind eine Mischung aus den lokalen Bantusprachen und Traditionen, die in dieser Region vorherrschten und dem Arabischen, das durch die arabischen Einwanderungen im an die Ostküste (ca. 1500 km von Südsomalia bis Nordmosambik) Afrikas gelangte. Erste schriftliche Aufzeichnungen, die bis heute vorhanden sind, stammen von ca. 1700 n. Ch. Zur Zeit der deutschen Besatzung (1885 bis 1918) fanden einige deutsche Wörter wie z.B. Veranda oder Schule Einzug in den allgemeinen Sprachgebrauch. Unser Tour Guide erzählte uns, dass die Deutschen die einigen Besatzer sind, die bei der Bevölkerung in guter Erinnerung geblieben sind, da sie flächendeckend Bildung und Schulen nach Tansania brachten. Inwieweit das tatsächlich wahr ist oder ob er das nur gesagt hat, weil er wusste, dass wir fast alle Deutsche waren, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen.

Irgendwie irritierend finde ich, dass Frauen scheinbar im Laufe ihres Lebens mit unterschiedlichen Namen angesprochen werden. Bis zur Geburt ihres ersten Kindes wird eine Frau mit dem Name angesprochen, den sie von ihren Eltern bekommen hat. Danach wird zur Anrede ausschließlich Mama plus Namen des erstgeborenen Kindes verwendet (wie bei Mama Namina). Dies ändert sich ein weiteres Mal, sobald das erste Enkelkind geboren wird und sie nur noch Nana (Oma) plus Name des ersten Enkels ist. Das Bild, das dadurch vermittelt wird, ist traditionell sicher richtig, ich persönlich finde es allerdings schwierig, denn es scheint, als würde man seine eigene Identität, in dem Fall seinen Namen, aufgeben müssen, um fort an nur noch Mama bzw. Oma zu sein.

Gestärkt durch Speis und Trank, schwangen wir uns auf die Räder um ein typisches Suaheli Haus zu besichtigen. In der Regel besteht ein Suaheli Haus aus sechs Zimmern, getrennt durch einen Flur in der Mitte, von dem aus alle Zimmer (drei links, drei rechts) erreicht werden könne. Die Zimmer werden von jeweils einer Familie bewohnt, sodass in einem kleinen Haus, das bei uns in Deutschland nur eine Etage eines Einfamilienhauses darstellen würde, sechs Familien leben. Vor dem Haus zur Straße befinde sich eine Veranda und hinter dem Haus ein Innenhof, der die Frauenzone darstellt. Wenn die Männer sich nämlich unterhalten, ist es für die Frauen nicht schicklich dabei zu sein und zu hören, wovon die Gespräche handeln, sodass sie sich in den Innenhof zurückziehen und sich dort um Wäsche, Essen und Kinder kümmern.

Weiter ging es für uns durch einen Slum. Meine Eindrücke von da sind unglaublich unterschiedlich. Zum einen kann man die Armut an jeder Ecke sehen und es wäre mir schon so unangenehm gewesen mein Handy zum Fotografieren rauszuholen, weil ich zum Einen den Eindruck hatte, dass mein Handy, obwohl es als Windows Phone ein vergleichsweise sehr günstiges Smatphone ist, mehr gekostet hat als die Häuser dort und ich zum Anderen ein seltsames Gefühl dabei gehabt, hätte diese Armut nur zu dokumentieren, weil ich sie glücklicherweise nie selber erleben musste. Besonders erschreckend fand ich zu sehen, wie verdreckt der Fluss, der teilweise sicher auch als Trinkwasser genutzt wird, ist. Auf der einen Seite des Flussbettes stapeln sich Müllberge, die natürlicherweise das Wasser kontaminieren und eine Brutstätte für Bakterien sind. Auf der anderen Seite leben die Menschen dort in einer sehr engen Gemeinschaft und kennen sich gegenseitig. Es ist wohl so, dass die Diebstahlrate etc. in Slumgegenden niedriger ist, weil man in der Regel nicht die Leute beklaut, die man gut kennt. Außerdem weiß jeder sehr genau, was wem gehört, sodass man sich nicht mit den beim Nachbarn erbeuteten Dingen auf der Straße sehen lassen kann, ohne dass jeder genau weiß, wo man das her hat. Die Kinder in der Gegend kamen permanent Muzungu (das Suaheli Wort für weiße Menschen) rufend und singend und uns während wir durch die Straßen fuhren ihre Hände zum abklatschen hinhaltend auf uns zu gerannt. Teilweise führte das zu witzigen Situationen auf dem Rad, wenn man gleichzeitig einen sandigen Weg bergauf fahrend, permanent Schlaglöchern ausweichend oder durchfahrend genug Gleichgewicht finden musste, um links und rechts kleine Kinderhände abzuklatschen. Unsere beiden Tour Guides, die den Kindern gut bekannt waren, konnten das mit erstaunlicher Sicherheit, während der Rest von uns das ein oder andere Mal dem Umkippen recht nahe kam.

Nur ein paar Meter weiter erkundeten wir ein kleines Geschäft, in dem Gewürze und ich nenne es mal Zauberutensilien gekauft werden können. Darunter fällt zum Beispiel ein rötlich braunes Pulver, das vor allem von Kindern auf der Straße verteilt wird, damit mehr gelacht wird, genauso, wie Utensilien zur Steigerung Fruchtbarkeit oder ähnliches. Genau gegenüber befand sich ein Kanga und Geschäft. Bei Kangas handelt es sich um traditionelle Kleidungsstücke, die von Frauen getragen werden. Traditionell gehört es sich (vor allem für Frauen)nicht direkt über Probleme zu reden. Damit sie dennoch angesprochen werden können, werden Konflikte mittels Kangas ausgetragen. Wenn zwischen zwei Frauen eine Unstimmigkeit herrscht, wird vermutlich eine der beiden in ein Geschäft gehen, um sich einen neuen Kanga zuzulegen. Dieser wird nicht nach dem Muster, sondern nach dem Spruch, der auf seitlich ihm abgebildet ist, ausgewählt und dann getragen, sodass die jeweils andere Frau diesen Spruch lesen kann. Als Reaktion darauf, wird sie ebenfalls einen Kanga wählen, auf dem eine entsprechende Botschaft als Antwort zu lesen ist. Natürlich herrscht nicht immer Streit, sodass der Großteil der Sprüche, die zu lesen sind (wenn man denn Suaheli könnte) positive Wünsche und Neuigkeiten beinhaltet. So soll der Kanga, der mir kurzerhand umgebunden wurde, zum Beispiel im übertragenen Sinne zum Ausdruck bringen, dass Kinder ein Segen für die Gemeinschaft sind und daher mehr Kinder das Licht der Welt erblicken sollten. Da die Muster auf den Kangas, auch wenn sie nicht den entscheidenden Grund zum Kauf darstellen, einer eigenen Mode unterliegen, sammelt sich im Leben einer Frau eine ungeheure Menge an Kangas zum Tragen an.

Nachdem ich mich aus meinem Kanga erfolgreich wieder ausgewickelt habe, fuhren wir weiter zu einem großen Markt. Dieser besteht aus drei Teilen: einem Ost- und Gemüsepart, einem Gewürzpart und einem Kleidungspart. Während ich auf die ersten beiden nicht näher eigenen möchte, obwohl sie viele leckere und zum Teil unbekannte Dinge beherbergten, möchte ich ein wenig mehr zu dem dritten Teil des Marktes, dem Teil, in dem Kleidung verkauft wird, erzählen. Es handelt sich bei ihm um eine ganze Straße, die rechts und links gepflastert ist von Ständen, die Kleiderspenden aus Europa zu einem sehr niedrigen Preis verkaufen. Ich glaube das ganze Thema ist sehr kontrovers und bin mir selber noch nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Es ist so ziemlich das Gegenteil von der Art von Zusammenarbeit zwischen den Kontinenten, die ich gut finden kann. Schon seit geraumer Zeit heißt es eigentlich Hilfe zur Selbsthilfe, was bedeutet, dass man anstatt von zwei Säcken Korn besser einen Sack voll Saatgut zusammen mit entsprechenden Schulungen, wie Felder am effizientesten zu bestellen sind, in afrikanische Länder exportieren sollte. Die Kleiderspende ist nun das Gegenteil. Statt eine lokale Textilbranche wachsen zu lassen, die Arbeitsplätze schafft und die in den Ländern genauso wie bei uns vorhandene Kreativität und Geschäftsmäßigkeit zu unterstützen, sorgen die Kleidermärkte dafür, dass die letzten Reste an lokalen Textilbrachen kaputt gehen müssen, weil sie gegenüber den billigen Preisen der gespendeten Sachen konkurrenzlos sind. Hier kommen außerdem in der Regel die Kleidungsstücke an, die bei uns keiner mehr tragen will. Das heißt z.B. die Shirts, die man auf Sportevents massenweise geschenkt bekommt oder Kleidung, die auch mal kaputt ist. Auf der anderen Seite kann ich sehen, dass diese Kleidermärkte für niedrige Einkommensschichten oft die einzige Möglichkeit darstellen überhaupt Kleidung zu kaufen. Ich fühle mich zwischen den beiden Positionen aktuell hin- und hergerissen und möchte an dieser Stelle jeden einzelnen, der das liest, dazu auffordern sich selber über die Situation zu informieren und sich bewusst für oder gegen Kleiderspenden an HUMANA das rote Kreuz etc. zu entscheiden. Schließlich gibt es auch Alternativen, wie zum Beispiel das Spenden von Kleidung an Kinder- oder Flüchtlingsheime vor Ort.

Zum Schluss genehmigten wir uns alle ein paar mehr als nötige Softdrinks in einer kleinen ruhigen Abstiege. Unsere Tour endete, wo sie begonnen hat: beim Millennium Tower. Dort hieß es sich von unseren Tour Guides zu verabschieden und für die tolle und spannende Radtour zu bedanken.


Da die Tour so früh begonnen hat, hatten wir nach ihrem Ende noch fast den ganzen Tag vor uns, sodass wir uns dazu entschieden im Meer schwimmen zu gehen. Da dies wie oben erwähnt jedoch direkt an der Küste eher weniger gesundheitsfördernd ist, fuhren wir zu einer Insel ein gutes Stückchen vom Festland entfernt. Die Insel ist unbewohnt und ruhig und man kann die wunderschöne Natur genießen. Alles, was einem zum Thema Strandparadies auch nur einfallen könnte, trifft auf diese Insel zu. Dabei ist sie unglaublich leer. Wäre dieses Paradies kurz vor Berlin, so wäre vermutlich kein Flecken des Bodens auch nur zu erahnen, weil jeder Quadratzentimeter mit Handtüchern bedeckt wäre, sodass durch die Besucher, die die Schönheit und Ruhe der Natur genießen wollen, genau diese zerstört werden würde. Durch die (vor allem für Einheimisch)e sehr hohen Kosten um zu der Insel zu gelangen wird dies jedoch verhindert, was auf einer ganz anderen Ebene unglaublich traurig ist. Ich möchte gar nicht daran denken, wie viele der Leute, die in Dar geboren und aufgewachsen sind, niemals die Chance haben werden die Inseln direkt vor der Küste ihrer Heimatstadt zu erkunden. Wir verbrachten mehrere Stunden in diesem Paradies und ließen es uns bei unglaublich guten Essen, das uns gebracht wurde, unter einem riesigen Bast-Unterschlupf für uns alleine so richtig gut gehen.


Da meine Ausführungen des in Dar verbrachten Wochenendes ziemlich ausufernd geraten sind, möchte ich die Beschreibung der ersten Arbeitstage zugunsten ein paar allgemeiner Dinge über Dar möglichst kurz gestalten und diese hinten anfügen, auch wenn das chronologisch wenig Sinn macht.


Dar Es Salaam ist riesig! Es ist eine Metropole an der Grenze zur fünf-Millionen-Einwohner-Stadt, in der man so ziemlich alles finden wird, was man auch nur suchen könnte. Natürlich gibt es Armut in Dar und diese ist ohne Zweifel auch viel extremer als bei uns und betrifft leider auch deutlich mehr Menschen. Trotzdem existiert auch die andere Seite von Dar: Luxusvillen und Plätze für Superreiche. Dazwischen gibt es eine sehr breite Mittelschicht, die in Häusern nicht anders als bei uns in Deutschland lebt (auch wenn die meterhohen Grenzzäune aus Beton mit darauf angebrachten Elektro- und Stacheldrahtzäunen sicherlich ein Unterschied sind). Besonders ungewohnt fand ich, dass in Dar alles gemixt ist. Man könnte annehmen, dass jede Gesellschaftsschicht ihre Viertel hat und in denen auch bleibt, so ist es aber an vielen Stellen nicht. Oft steht eine nur sehr rudimentär gebaute Holzunterkunft, die aussieht, als würde sie keinem Lufthauch trotzen können, direkt neben einem sicherlich sehr teuer gewesenem Haus. Man Lebt in Dar also ständig zwischen Wellblechhütte und Luxusvilla, was ich sehr beeindruckend fand.


Aktuell kann man sich in Dar kaum bewegen, ohne an die am Sonntag bevorstehende Präsidentschaftswahl erinnert werden. Ohne mich genau in die Strukturen eingearbeitet zu haben, möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in die Atmosphäre, wie ich sie erlebt habe, wiedergeben.
Überall in der Stadt hängen Flaggen der beiden großen Parteien – sei es an den Stom- und Telefonkabeln, an eigens über die Straßen gespannten Schnüren, an den Bajajis, in der Hand von Läufern, die durch die Stadt joggen oder als Schal umfunktioniert am Hals vieler Passanten. Vermutlich lässt sich das durch die etwas eigenartige politische Situation erklären. Die bislang regierende Partei wurde von Opposition immer als korrupt dargestellt und diese Anschuldigungen scheinen nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Vor ein paar Jahren zum Beispiel musste der damalige Premierminister auf Grund eines Korruptionsskandals aus seinem Amt entlassen werden und wurde anschließend von der Opposition wegen seiner Korruption verklagt. Auch wenn der aktuelle Präsidentschaftskandidat der bislang regierenden Partei einen guten Ruf hat und allgemein nicht in dem Verdacht steht korrupt zu sein, sind viele Leute ihm gegenüber skeptisch. Die stärkste Oppositionspartei klagt seit Jahren die bestehenden Strukturen an und verspricht im Falle eines Wahlsieges einen Wandel im System. Bislang hat sie allerdings wohl noch nicht spezifiziert, was das genau bedeuten soll. Skurrilerweise ist der Präsidentschaftskandidat, der auch von drei zusätzlichen Oppositionsparteien unterstützt wird, eben der Premierminister a.D., der wegen Korruption von seiner jetzigen Partei verklagt wurde. Oft habe ich gehört, dass das mit seinem vielen Geld zu tun haben soll und viele Leute gehen davon aus, dass er die Opposition gekauft hat. Damit stehen die Tansanier überspitzt ausgedrückt vor der Wahl einer korrupten Partei mit einem nicht korrupten Präsidentschaftskandidaten oder einer nicht korrupten Partei mit einem korrupten Präsidentschaftskandidaten.


Den Montag, unsern ersten richtigen Arbeitstag, verbrachten wir auf dem wunderschönen BORDA Gelände. Wir bekamen technische Einführungen und konnten alle Fragen, die uns auf der Seele brannten oder neu entstanden sind, loswerden.

Der Dienstag begann mit einem Tag der offenen Tür, zu dem viele Stakeholer geladen waren. Es wurden viele Präsentationen über die Arbeit von BORDA gehalten und praktisch gezeigt, wie Aufklärungsarbeit in den Communities betrieben wird. Nachmittags fuhren wir zu einem nahegelegenen Krankenhaus, das als Pilot- und Vorführobjekt für die Technologie, die BORDA nutzt, fungiert und konnten zum ersten Mal physisch vor uns sehen, womit wir alle es das kommende Jahr zu tun haben werden. Glücklicherweise konnte Thorsten seine Kreditkarte am Dienstag noch wiederbekommen, nachdem alle vorherigen Versuche gescheitert sind. Es war die letzte Chance, denn am Mittwoch ging es für ihn und Eva in aller Frühe auf nach Lesotho.

Am Mittwoch überraschte ich meine Kollegen damit mitsamt meinem kompletten Gepäck im Büro und nicht im Flieger nach Sambia zu sein. Alle (inklusive mir) sind davon ausgegangen, dass ich Mittwoch früh (genau wie Thorsten und Eva) fliegen würde. Ein Blick in meine Flugunterlagen am Dienstagabend zeigte jedoch, dass ich nicht um 9.45 AM, sondern 9.45 PM fliegen sollte, weswegen ich noch einen ganzen Tag im Büro hatte. Weil niemand mit mir gerechnet hatte, wurde kurzerhand entschieden, dass ich zwei Kolleginnen zum Außeneinsatz begleiten durfte. Das bedeutete mehrere Stunden einen Bereich der Stadt zusammen zehn offiziellen Vertretern unterschiedlicher Stadtteile zu erkunden und alles zu dokumentieren, was ich sehen konnte. Dafür ging es unter anderem bei sengender Hitze mit gelben, viel zu großen Gummistiefelen bewaffnet, durch Buschland und Flüsse. Auch hier fand ich es wieder unglaublich erschreckend, wie nah einige Menschen an Flüssen leben, die als Mülldeponien missbraucht werden und dieses Wasser zum Kochen und als Trinkwasser verwenden.
Gegen sechs Uhr abends ging es für mich dann mit dem Taxi auf Richtung Flughafen und auch wenn dieser kilometermäßig nicht weit entfernt war, bin ich während der Fahrt tausend Tode gestorben, weil ich die ganze Zeit fürchtete, dass die Zeit aufgrund des immer herrschenden ganz fürchterlichen Staus auf Dars Straßen nicht reichen würde. Vermutlich war das die bisher nervenaufreibendste Autofahrt meines ganzen bisherigen Lebens. Ich wurde erst ruhiger nachdem ich am Flughafen angekommen, durch beide Sicherheitsschleusen durch, mein Gepäck abgegeben (für einen zweiten Koffer mit bis zu 20 kg zahlt man bei der Fluggesellschaft fastjet nur 30 US Dollar) und die Pass- und Visakontrolle hinter mir hatte. Es hieß jetzt auf Richtung Sambia.















25.10.15 19:23, kommentieren


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